Märchenquiz

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Die drei Sprachen

Die drei Sprachen

Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 33, ab 2. Auflage). Das Märchen handelt von einem als minderbemittelt geltenden jungen Mann, der die Sprache der Tiere erlernt.

Inhalt

Ein Graf hat einen einzigen Sohn, der zu seinem Leidwesen anscheinend nicht in der Lage ist, von ihm etwas zu lernen. Deshalb schickt er ihn in die Fremde zu einem berühmten Meister, auf dass er von dem etwas Vernünftiges lerne. Doch als der Sohn nach einem Jahr zurück kommt, antwortet er auf die Frage, was er gelernt habe, er habe die Sprache der Hunde gelernt. Das ist nicht gerade das, was sich der Vater erhoffte, doch er gibt ihm eine zweite Chance bei einem anderen Meister. Nach einem weiteren Lehrjahr ist der Sohn in der Lage, das Quaken der Frösche zu verstehen. Der Vater verliert langsam die Geduld. Beim letzten Versuch mit einem dritten Meister gibt er dem Sohn die Warnung mit, dass er ihn verstoßen werde, wenn er seine Erwartungen wieder nicht erfüllt. Als der Sohn nach einem Jahr verkündet, er habe nun auch noch die Sprache der Vögel gelernt, lässt der alte Graf seinen einzigen Sohn von den Jägern in den Wald führen, wo sie ihn ermorden sollen. Als Zeichen sollen sie ihm die Augen und die Zunge des Getöteten bringen.

Doch die Jäger haben Mitlied und töten anstellen des Jünglings ein Reh. Er bittet in einer Burg um ein Nachtlager, was ihm der Burgherr gewährt. Allerdings muss er mit einem alten Turm vorlieb nehmen, den alle meiden, weil dort nachts wilde Hunde spuken. Die Menschen in der ganzen Umgebung sind wegen dieser Hunde betrübt, denn die Hunde stören nicht nur durch ihr nächtliches Geheul — sie verlangen zu gewissen Stunden auch Menschenopfer. Den Jüngling, der die Sprache der Hunde versteht, hat keine Angst. So erfährt er von den Hunden den Grund für ihr Verhalten. Sie sind dazu verdammt, einen Schatz zu bewachen, der in dem Turm verborgen liegt, und erst wenn der Schatz geborgen ist, kommen sie zur Ruhe. Die Hunde erzählen dem Jungen auch, was er tun muss, um den Schatz zu heben. Also hebt er den Schatz und befreit den Landstrich von der Plage der heulenden Hunde. Als Dank dafür bekommt er das schöne Burgfräulein zur Frau.

Die drei Sprachen, Märchen der Brüder Grimm. Märchenbilder von Arthur Rackham

Die drei Sprachen. Illustration Arthur Rackham

Eines Tages kommt es ihm in den Sinn, mit seiner Frau nach Rom zu reisen. Auf dem Weg dorthin hört er die Frösche etwas quaken, das ihn traurig stimmt. Er sagt seine Frau jedoch nichts davon. Als sie in Rom eintreffen, stellt sich heraus, dass der Papst verstorben ist und ein Nachfolger gewählt werden muss. Das war die Nachricht, die er von den Fröschen schon gehört und die ihn so traurig gemacht hat. Die Kardinäle haben entschieden, dass derjenige Papst werden soll, der ein göttliches Zeichen offenbart. Der Mann, der die Sprache der Tiere versteht, betritt die Kirche, und im selben Augenblick lassen sich zwei weiße Tauben auf seinen Schultern nieder. Ein deutlicheres Zeichen kann es kaum geben. Der Erwählte ist unschlüssig, ob er die Wahl annehmen soll, doch die Tauben reden ihm zu, und er sagt „Ja!“ Später, als er seine erste Messe lesen muss, sitzen die Tauben wieder auf seinen Schultern und sagen ihm die Worte, die er nie gelernt hat und trotzdem kennt.

Anmerkungen

»Wer verstanden werden will, muss zuhören.« Das war der Untertitel des 2006 erschienen Films Babel, in dem es um gestörte Kommunikation (bis hin zur Kommunikationsunfähigkeit) ging. Die Menschen in diesem Film fangen erst an sich zu verstehen, als sie sich nicht mehr des üblichen Mittels, der Sprache, bedienen. Der Satz beschreibt auch in Kürze, worum es im vorliegenden Märchen geht. Die Kommunikation zwischen Vater und Sohn ist offenbar tief gestört. Der Sohn bringt nichts von dem, was der Vater erwartet. Die übernatürliche Fähigkeit des Sohnes, die Sprachen der Tiere zu verstehen,  scheint dem Vater nichts wert. Es kommt zum Zerwürfnis — Gewalt (vgl. Schneewittchen) als äußeres Zeichen der gescheiterten Kommunikation. Seine Fähigkeiten, die mit Zuhören zu tun haben, verhelfen dem Sohn am Ende zu einer Position, in der seine Worte verstanden werden, weil sie von Gott kommen.

Erstaunlich erscheint in dem Märchen die Tatsache, dass der junge Graf Papst wird, obwohl er verheiratet ist. Tatsächlich ist seine Ehe in späteren Auflagen nicht mehr erwähnt (die Inhaltsangabe bezieht sich auf die 3. Auflage, 1837). Allerdings ist durch das Weglassen der mittlere Teil des Märchens nicht mehr ganz schlüssig. In der hier vorgestellten Fassung bekommt der Jüngling als Belohnung für die Befreiung von der Hundeplage die Tochter des Burgherren zur Frau. In der späteren Fassung bekommt er einfach gar nichts. Aber auch nach Eliminierung der Frau bleibt eine Ungereimtheit, nämlich die, dass das Erlernen der Tiersprache ein schamanistisches Motiv ist und insofern der Schluss — Ernennung zum Oberhaupt der katholischen Kirche — verwundert. In einer Reihe von ähnlichen Märchen wird der Jüngling einfach König.