Die beiden Wanderer

Die beiden Wanderer

Die beiden Wanderer ist ein Märchen der Brüder Grimm und seit der 5. Auflage in den Kinder- und Hausmärchen enthalten (KHM 107). Es handelt von der Beziehung zweier wandernder Handwerksgesellen, von denen der eine offenherzig und und etwas leichtferig ist, während der andere bei der ersten sich bietenden Gelegenheit seinen boshaften Charakter offenbart. Das Märchen ersetzte das zuvor an der Stelle 107 stehend Märchen Die Krähen, das die gleiche Schlüsselszene enthält (Galgen, Krähen), jedoch bei der Charaktisierung des Helden und seiner falschen Freunde etwas holzschnittartig geraten ist. Außerdem ist bei den beiden Wanderern im hinteren Teil das Motiv der dankbaren Tiere hinzugekommen.

Inhalt

Ein lebenslustiger junger Schneidergeselle geht auf Wanderschaft und trifft unterwegs einen Schuster. Sie beschließen, gemeinsam weiterzuziehen, zumal ihre Gewerke doch recht gut zusammenpassen. Der Schuster erweist sich als griesgrämiger Zeitgenosse, was sich auch auf seinen geschäftlichen Erfolg auswirkt. Jedenfalls nimmt der Schneider in jedem Ort, durch den sie kommen, mehr ein als der Schuster. Andereseits gibt er sein Geld genau so schnell aus, wie er es eingenommen hat, und zeigt sich in den Wirtshäusern gegenüber seinem Weggefährten spendabel.

Ihr Ziel ist die Königsstadt, wo sie sich mehr zu verdienen erhoffen als nur das Allernötigste zum Überleben. Um die Stadt zu erreichen, müssen sie einen großen Wald durchqueren, durch den zwei Wege führen: auf dem einen benötigt der Wanderer zwei Tage, auf dem anderen sieben. Der stets optimistische Schneider deckt sich Brotrationen für zwei Tage ein – was soll er sich unnötigerweise mit Brot für sieben Tage abbuckeln? Der Schuster, dem Optimismus und Gottvertrauen fremd sind, kauft Brot für sieben Tage. Als der Wald am dritten Tag ihrer Wanderung immer noch so dicht ist, als wollte er nie ein Ende nehmen, ist beiden klar, dass sie den längeren Weg erwischt haben. Den ganzen Tag über wandert der Schneider ohne zu essen, und auch am vierten Tag hält er trotz Hunger durch. Der Schuster, den er um ein paar Krumen bittet, lacht nur höhnisch: Nun könne der Schneider endlich erfahren, wie es sich anfühlt, nicht fröhlich zu sein. Doch am Morgen des fünften Tages ist der Schneider mit seinen Kräften am Ende. Der Schuster ist bereit, ihm von seinem Brot abzugeben – doch das hat seinen Preis. Er will allen Ernstes ein Auge des Schneiders dafür, und dem Schneider bleibt, wenn er überleben will, nichts anderes übrig, als darauf  einzugehen. Sie wandern weiter, und der Schneider ist am sechsten Tag wieder ohne Brot. Am Morgen des siebten Tages ist er vor Enkräftung unfähig aufzustehen. Der Schuster fordert und bekommt auch noch das zweite Auge des Schneiders.

Die beiden Wanderer, Illustration Otto Ubbelohde

Die beiden Wanderer, Illustration Otto Ubbelohde

Blind und unfähig, sein Handwerk künftig noch auszuüben, ist der Schneider auf die Barmherzigkeit des Schusters angewiesen. Doch der hat ein Herz aus Stein und überlässt ihn, als sie endlich aus dem Wald heraus sind, seinem Schicksal. Der Schneider weiß nicht, dass er sich unter einem Galgen befindet, an dem zwei frisch Gehenkte baumeln. Doch er hört, wie der eine zum anderen sagt, dass heute Nacht ein besonderer Tau gefallen sei. Wer blind ist und sein Gesicht damit wäscht, der würde wieder sehend werden. Das lässt sich der Schneider nicht zweimal sagen, er nimmt mit seinem Taschentuch etwas Tau auf und wäscht damit sein Gesicht. In der Ferne sieht er die Königsstadt funkeln, und nachdem er ausprobiert hat, ob er noch in der Lage ist, mit Nadel und Faden umzugehen, ist er trotz seines Hungers überglücklich.

Auf dem Weg in die Stadt trifft er ein braunes Fohlen und will sich auf dessen Rücken schwingen. Doch das Fohlen bittet ihn, davon abzulassen, denn es sei selbst für einen dürren Schneider wie ihn noch nicht kräftig genug. Also geht er zu Fuß weiter und trifft bald danach ein Storch. Sein Hunger macht die Frage nebensächlich, ob der große Vogel überhaupt genießbar ist; also packt er ihn am Bein, um ihn zu braten. Der Storch bittet um sein Leben, schließlich sei er ein heiliger Vogel und hätte außerdem noch jemandem etwas zu Leide getan. Der gutmütige Schneider lässt ihn fliegen, aber sein Hunger wird immer größer. Da trifft es sich gut, dass er kurz darauf auf einem Teich ein paar junge Enten schwimmen sieht. Doch als die Entenmutter ihn bittet, ihr nicht das Liebste zu nehmen, siegt ein weiteres Mal sein mitfühlendes Herz über den knurrenden Magen. Endlich meint er, eine Mahlzeit gefunden zu haben, durch die kein anderer zu Schaden kommt – Honig in einem alten, hohlen Baum. Gierig will er zulangen, doch auch hier hat jemand (nämlich die Bienenkönigin) etwas dagegen. Hungrig aber glücklich erreicht der Schneider schließlich die Königsstadt und findet schnell bei einem Meister Arbeit.

Es dauert nicht lange, bis er sich in der Stadt einen Namen gemacht hat. Jeder, der auf sich hält, lässt seine Kleider bei ihm anfertigen, was er nicht allein seiner Handwerkskunst, sondern auch seinem heiteren Naturell zu verdanken hat. So wird er eines Tages zum Hofschneider bestellt, zufälligerweise am gleichen Tag, an dem sein falscher Freund zum Hofschuster ernannt wird. Der bekommt es mit der Angst zu tun, weil es nun relativ wahrscheinlich ist, das sie sich früher oder später begegnen und dann seine Missetat ans Licht kommt. Daher versucht er, den Schneider durch List und Tücke aus dem Weg zu räumen. Er erzählt dem König, der Schneider hätte sich gerühmt, die Krone des Königs wiederbeschaffen zu können, die vor einiger Zeit verschwunden ist. Als der König den Schneider auffordert, seinen Worten Taten folgen zu lassen, denkt dieser sich, dass es für ihn das Beste sei, aus der Stadt zu verschwinden. Und so kommt er wieder bei der alten Ente vorbei. Die ist erfreut, sich für die Barmherzigkeit des Schneiders revanchieren zu können – denn die vermisste Krone liegt am Grund ihres Teiches.

Nachdem der Schneider dem König seine geliebte Krone wiederbeschafft hat, steigt er natürlich in dessen Gunst. Das lässt wiederum dem Schuster keine Ruhe, der weiter gegen den Schneider intrigiert. So behauptet er gegenüber dem König, der Schneider hätte sich gerühmt, ein originalgetreues Wachsmodell des Schlosses machen zu können. Wieder will sich der Schneider aus dem Staub machen und trifft diesmal die Bienenkönigin, die mit ihrem Volk das gewünschte Modell für den König errichtet. Eine dritte Intrige wird für den Schneider lebensbedrohlich, denn diesmal droht der König, ihn einen Kopf kürzer zu machen, falls es ihm nicht gelingt, den Brunnen im Schlosshof wieder zum Sprudeln bringen. Auf seiner Flucht trifft er das Pferd, das er als Fohlen geschont hat und das ihm nun hilft, die neue Aufgabe zu lösen. Danach hat er für einige Zeit Ruhe, doch dann flüstert der Schuster dem König etwas ein, von dem der Schneider beim besten Willen nicht weiß, wie er es bewerkstelligen soll: der König, der bereits viele Töchter hat, will endlich auch einen Sohn. Nun ist es an dem Storch, sich zu revanchieren, denn da er ohnehin seit langem die Babys in die Stadt bringt, bringt er nun eben dem König den ersehnten Sohn. Der Schneider bekommt die älteste Königstochter zur Frau, und der Schuster muss die Stadt verlassen. Sein Weg führt an dem Galgen vorbei, und da er von dem langen Weg bei sengender Sonne erschöpft ist, legt er sich dort in den Schatten und schläft ein. Da kommen die Krähen und hacken ihm die Augen aus. Blind und besinnungslos rennt er in den Wald und ward nie mehr gesehen.

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