Der junge Riese

Der junge Riese ist ein Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 90). Der Titelheld hat zwar die Größe und die Kraft eines Riesen, doch die typischen Merkmale von Riesen im Märchen wie Dummheit und Gemeinheit (etwa in Das tapfere Schneiderlein) gehen ihm ab. Seine Stärke nutzt er lediglich, um denjenigen eine Lektion zu erteilen, die glauben, ihn ausnutzen zu können. Eine ähnliche Figur ist Der starke Hans. Dieser erlangt seine Stärke dadurch, dass er unter Räubern aufwächst. Ähnlich verhält es sich mit dem jungen Riesen, der ursprünglich ein Däumling ist (siehe Daumerlings Wanderschaft, Daumesdick, Tom Thumb), dann aber von einem Riesen »adoptiert« und gesäugt wird.

Der junge Riese. Illustration Otto Ubbelohde (Kinder- und Hausmärchen, Turm-Verlag Leipzig, 1907-09)

Inhalt

Ein Bauer hat einen Sohn, der nur so groß ist wie ein Daumen. Als der Bauer einmal auf sein Feld will um zu pflügen, quengelt und weint der Junge so lange, bis der Vater ihn widerwillig mitnimmt. Draußen auf dem Feld setzt er den Kleinen in eine Furche. Da sieht er aus der Ferne einen Riesen kommen. Im Scherz sagt er dem Jungen, der Riese würde ihn holen. Doch als der den Däumling tatsächlich aufhebt und in seine Tasche steckt, bringt er vor Schreck kein Wort mehr heraus.

Der Riese kümmert sich um den Winzling wie eine Mutter — das heißt, er lässt ihn an seiner Brust saugen. Nach zwei Jahren ist der frühere Däumling bereits so stark, dass er einen jungen Baum samt Wurzel aus der Erde reißen kann. Seinem Ziehvater ist das noch nicht genug; also säugt er ihn noch zwei weitere Jahre. Danach schafft der junge Riese das gleiche mit einem älteren Baum, und nach zwei weiteren Jahren sogar mit der dicksten Eiche. Zufrieden führt der alte Riese seinen Zögling auf den Acker zurück, wo er ihn vor Jahren aufgelesen hat und wo der Vater auch jetzt wieder am Pflügen ist.

Doch der Bauer erkennt seinen Däumling in dem jungen Riesen nicht wieder. Auch als der alte Riese ihm sagt, er bringe ihm seinen Sohn wieder, will er davon nichts wissen. Nur aus Angst vor dem jungen Riesen erlaubt er ihm, für ihn den Acker zu pflügen. Der spannt die Pferde aus und sich selbst vor den Pflug. Den Vater schickt er nach Hause, mit Gruß an die Mutter: Sie solle ihm eine große Schüssel voll Essen kochen. Im Handumdrehen hat er das ganze Feld gepflügt und es anschließend mit zwei Eggen gleichzeitig geeggt.

Als er zu Hause ankommt, erkennt ihn auch seine Mutter nicht. Erschrocken fragt sie den Vater, wer denn der entsetzlich große Mann sei. Als er antwortet, dies sei ihr beider Sohn, glaubt sie ihm nicht und fordert, der lange Kerl solle weggehen. Doch als dieser sich an den Tisch setzt, sie mit »Mutter« anspricht und nach dem Essen fragt, wagt sie nicht, ihn abzuweisen. Von dem Essen, das sie ihm vorsetzt, wären sie und ihr Mann acht Tage lang satt geworden. Doch der junge Riese verlangt mehr. Die Mutter kocht alles, was sie haben. Wirklich satt wird er davon immer noch nicht.

Der junge Riese sieht ein, dass er im Haushalt seiner Eltern niemals satt werden wird. Er bittet seinen Vater, ihm eine Eisenstange zu bringen, die so stark ist, dass er sie nicht vor seinem Knie zerbrechen kann. Der Vater besorgt ihn, die so stark ist, dass er zwei Pferde vorspannen muss, um sie herbeizuschaffen. Doch der junge Riese zerbricht sie mit Leichtigkeit. Auch die zweite, für die vier Pferd nötig sind, um sie zu ziehen, zerbricht er ohne größere Anstrengung. Und von der dritten, für die der Vater acht Pferde vorspannen muss, bricht er oben ein Stück ab, als er sie nur in die Hand nehmen will. Ohne den gewünschten Wanderstab verlässt er die Eltern und zieht in die Welt hinaus.

In einem Dorf gibt er sich als Schmiedegeselle aus und verdingt sich beim dortigen Schmied, der als Geizhals bekannt ist. Der große, kräftige Kerl kommt dem Geizigen als Geselle gerade recht, zumal dieser sich beim Lohn äußerst bescheiden zeigt. Statt sich wie die übrigen Gesellen Geld auszahlen zu lassen, verlangt der junge Riese lediglich, dass er dem Schmied alle vierzehn Tage zwei Streiche verpassen darf. Der Schmied hält das für ein gutes Geschäft und stellt den Burschen ein. Doch als dieser am nächsten Morgen mit der Arbeit beginnt, schlägt er das zu schmiedende, glühende Eisen entzwei und rammt obendrein den Amboss tief in den Boden.

Einen so groben Gesellen kann der Schmied nicht brauchen. Um ihn schnellstmöglich loszuwerden, fragt der Schmied ihn, was er als Abfindung haben möchte. Der junge Riese will nichts weiter, als dem Schmied einen einzigen, ganz kleinen Streich geben zu dürfen. Der Schmied ist einverstanden, woraufhin der Geselle ihn mit einem Fußtritt über vier Fuder Heu hinweg befördert. Der junge Riese sucht sich in der Schmiede eine Eisenstange, die seinen Vorstellungen entspricht, und begibt sich wieder auf die Wanderschaft.

Bald kommt er zu einem Vorwerk (Gutshof), wo er den Amtmann (Verwalter) fragt, ob er nicht einen Großknecht gebrauchen kann. Als der Amtmann, wie zuvor der Schmied, den jungen Riesen nach seinen Lohnvorstellungen fragt, ist dessen Antwort ganz ähnlich. Statt eines Jahreslohns wolle er dem Amtmann lediglich einmal im Jahr drei Streiche geben. Auch der Amtmann ist ein Geizhals, der meint, ein paar Streiche könne er schon aushalten, wenn er dafür den Lohn sparen kann.

Auch auf dem Gutshof zeigt er vom ersten Tag an eine eigenwillige Arbeitsauffassung. Geplant ist, dass die Knechte alle in den Wald fahren sollen, um Holz zu schlagen. Während die anderen am frühen Morgen losfahren, schläft der junge Riese lieber aus. Dann kocht er sich in aller Ruhe eine große Schüssel Brei und frühstückt. Erst dann fährt er mit seinem Karren den anderen hinterher. Als er ein Stück in den Wald gefahren ist, lässt er die Pferde in einem Hohlweg halten und schichtet hinter dem Wagen einen großen Haufen aus Ästen und Reißig auf. Als er die anderen Knechte erreicht, sind die gerade dabei, ihre Wagen mit den geschlagenen Holzstämmen zu beladen. Wohlwissend, dass sie den Hohlweg nicht würden passieren können, lässt er sie ziehen. Dann reißt er schnell ein paar der dicksten Bäume aus, und schon ist sein eigener Wagen voll.

Als er an den Haufen im Hohlweg kommt, der den anderen Knechten den Weg versperrt, lacht er sie aus. Hätten sie sich an ihn gehalten, wären sie jetzt an der gleichen Stelle, hätten aber ausschlafen können. Dann spannt er seine Pferde aus, wirft sie oben auf den Wagen und zieht ihn eigenhändig über das Hindernis. Die anderen bleiben zurück. Der Amtmann begutachtet die Baumstämme, die sein neuer Großknecht ihm bringt, und ist sehr zufrieden.

Als ein Jahr herum ist und die anderen Knechte ihren Lohn bekommen, ist dem Amtmann längst klar, dass er es unbedingt vermeiden sollte, von seinem Großknecht Streiche zu kassieren. In seiner Verzweiflung bietet er dem jungen Riesen an, er könne Amtmann werden, während er selbst sich mit der Position des Großknechts begnügen würde. Doch der andere besteht auf der Abmachung. Immerhin lässt er sich darauf ein, dem Amtmann eine Frist von vierzehn Tagen zu gewähren.

Während dieser Frist berät sich der Amtmann eifrig mit seinen Schreibern, wie man dem Großknecht beikommen könne. Die Schreiber argumentieren, der Großknecht würde nie Ruhe geben, weshalb man ihn beseitigen müsse. Ihr Plan lautet, dem Großknecht den Auftrag zu erteilen, den Brunnen zu säubern. Und sobald er im Brunnenschacht ist, solle man ihm den großen Mühlstein hinterher werfen. Gesagt, getan. Doch kaum ist der Mühlstein im Brunnen, ruft der Großknecht von unten, der Amtmann solle die Hühner vom Brunnen wegscheuchen, weil sie anscheinend Sandkörner in den Brunnen scharren. Der Amtmann beeilt sich, so zu tun, als verscheuche er die Hühner. Kurz darauf ist der Großknecht mit dem Säubern des Brunnens fertig. Um seinen Hals trägt er als Schmuck den Mühlstein.

Da der Anschlag gescheitert ist, rückt der Tag näher, an dem der junge Riese dem Amtmann einen Streich verpassen darf. Der erbittet noch einmal eine Frist von vierzehn Tagen, nur um mit seinen Schreibern einen neuen Anschlag zu planen. Diesmal besteht der todsichere Plan darin, den Großknecht in die verwünschte Mühle zu schicken. Unter dem Vorwand, dass Eile geboten sei, solle er dort über Nacht einige Malter (ein Hohlmaß) Korn malen. Der Müller warnt den jungen Riesen, er solle lieber bis zum nächsten Morgen warten, denn eine Nacht in der verwünschten Mühle habe noch niemand überlebt. Doch der lässt sich nicht abschrecken und beginnt die Arbeit.

Nachts um elf erscheint auf einmal ein Tisch mit Speisen und Wein, auch einige Stühle. Doch sind keine Gäste zu sehen, sondern nur gelegentlich Hände, die mit dem Geschirr und dem Essen Hantieren. Der junge Riese setzt sich mit an die Tafel, um mit den Unsichtbaren zu essen und zu trinken. Dann spürt er auf einmal eine schwache Ohrfeige auf seinem Gesicht. Was ihn nicht sonderlich erschreckt, sondern eher anspornt, ebenfalls auszuteilen. So geht es hin und her die ganze Nacht. Bei Tagesanbruch ist der Spuk vorüber und der Müller erstaunt, dass der junge Riese noch lebt. Nicht nur erstaunt, sondern hocherfreut, denn weil der endlich jemand die Nacht durchgehalten hat, ist seine verwünschte Mühle erlöst. Er bietet dem Erlöser Geld als Belohnung an, doch der meint nur, er hätte schon genug.

Zurück bei seinem Dienstherrn fordert er nun endlich seinen Lohn ein, was diesem in seiner Amtsstube den Angstschweiß ins Gesicht treibt. Panisch öffnet der Amtmann das Fenster. Der junge Riese versetzt ihm einen Tritt, der ihn durch das Fenster Richtung Himmel befördert. Da nun aber zwei Streiche ausgemacht waren, muss für den zweiten die Frau des Amtmanns einspringen. Auch sie fliegt durch das Fenster, sogar noch viel höher als ihr Mann, weil sie leichter ist. Der junge Riese aber nimmt seine Eisenstange und geht davon.

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