Die Taube

Die Taube

Die Taube (La palomma) ist ein Märchen aus Giambattista Basiles Märchenzyklus Pentameron (siebtes Märchen des zweiten Tages). Wie bei vielen Märchen von Basile verweist der Titel auf eine nur kurz auftretende Nebenfigur, der jedoch symbolische Bedeutung zukommt. Das Märchen vereinigt eine Reihe von Motiven, die auch in anderen Märchen des Pentamerone vorkommen (siehe unten) und zum Teil auch aus den Märchen der Brüder Grimm vertraut sind. Es gibt jedoch kein Grimm’sches Märchen, das eine über einzelne Motive hinausgehende Verwandtschaft mit Basiles Taube hat.

Inhalt

Eine alte, sehr arme Frau muss betteln um zu überleben, und oft genug muss sie den ganzen Tag herumlaufen und an Türen klopfen, um wenigstens das Geld für ein Bohnengericht zusammenzubekommen. Die Leute sind hartherzig, obwohl in ihrer Gegend gerade Überfluss herrscht. Eines Tages kommt der Königssohn Nard’Aniello mit einigen Begleitern an ihrer armseligen Hütte vorbei und leistet sich einen üblen Schabernack, der ihn noch sehr teuer zu stehen kommen wird. Die Alte ist ausgegangen um etwas Reisig zum Kochen zu holen und hat einen Topf mit Bohnen, die sie vorher ausgelesen hat, ans Fenster gestellt. Ohne jedes Feingefühl werfen die jungen Burschen mit Steinen nach dem Topf und wettweifern, wer ihn am besten trifft. Und natürlich ist es der Königssohn Nard’Aniello, der den Topf mit einem gekonnten Steinwurf umstößt. Als die Alte zurückkommt und ihre Bohnen auf dem Boden verstreut findet, verflucht sie den rücksichtslosen Taugenichts, der ihr die einzige Mahlzeit des Tages verdorben hat. Sie wünscht ihm an den Hals, dass er sich in die Tochter einer Hexe verlieben möge, die ihn in jeder erdenklichen Weise peinigt. Und durch die Schönheit der Tochter gefesselt, solle er unfähig sein, der Tyrannei der Schwiegermutter zu entfliehen.

Die Taube, Illustration Warwick Goble

Die Taube, Illustration Warwick Goble

Der Fluch erfüllt sich schon wenige Stunden später. Auf dem Nachhauseweg verirrt sich Nard’Aniello im Wald. Dort trifft er auf ein wunderschönes Mädchen, das Schnecken sucht. Als sie ihm ein paar ein paar neckische Worte zuruft, ist es um ihn geschehen. Die Schöne, Filadora mit Namen, hat sich ihrerseits augenblicklich in Nard’Aniello verliebt, und nachdem beide einigermaßen ihre Sprache wiedergefunden haben, wechseln sie zärtliche Worte. Doch die Idylle währt nicht lange, da plötzlich Filadoras Mutter erscheint, bei deren Anblick Nard’Aniello fast das Blut in den Adern gefriert. Ihr abstoßendes Äußere passt zu ihren boshaften Worten, mit denen sie den Verehrer anherrscht. Sein erster Impuls lässt ihn zum Degen greifen, doch zu seinem eigenen Erstaunen bleibt seine Hand wie gelähmt. Er ist im Bann der Hexe, muss ihr gehorchen wie ein Esel und lässt sich von ihr in ihr Haus führen. Dort gibt sie ihm die Arbeitsanweisung für die nächsten Stunden: bis zum Abend muss er ein riesiges Stück Land hinter dem Haus der Hexe umgraben und die Saat ausbringen. Schafft er es nicht, würde sie ihn auffressen. Dann verschwindet sie wieder im Wald.

Der arme Nard’Aniello ist verzweifelt, denn was die Hexe da von ihm verlangt, ist unmöglich, egal, wie sehr er sich anstrengt. Doch zum Glück verfügt seine Liebste über Zauberkräfte. Sie tröstet ihn, er müsse sich keine Sorgen machen, und tatsächlich erledigt sich die Arbeit im Laufe des Tages von ganz allein. Am Abend kommt die Alte wieder und klettert, da das Haus keine Türen hat, an den Haaren ihrer Tochter zum Fenster herein. Dann geht sie hinter dem Haus nachsehen, und muss feststellen, dass sie keine Handhabe hat, ihre Drohung wahr zu machen, obwohl sie sicher ist, dass der zarte Jüngling das Wunder unmöglich bewerkstelligt haben kann. Also gibt sie ihm für den nächsten Tag eine noch schwierigere Aufgabe, nämlich eine Stoß Holz zu spalten. Wieder lässt Filadora ihre Zauberkräfte walten, sodass ihre Mutter auch an diesem Abend die Arbeit erledigt sieht. Für den nächsten Tag verlangt sie, dass Nard’Aniello eine riesige Zisterne reinigen und mit frischem Wasser befüllen soll. Diesmal verkündet Filadora, dass sie nun bereit sei, mit Nard’Aniello zu fliehen, was sie bisher abgelehnt hatte, da die Sterne ungünstig standen.

Als das Paar schon ganz in der Nähe des Hofes von Nard’Aniellos Eltern ist, bittet dieser Filadora, in einem Wirtshaus auf ihn zu warten, damit er eine herrschaftliche Kutsche und kostbare Kleider für sie besorgen kann. Doch er hat nicht mehr mit Filadoras Mutter gerechnet, die das geflohene Paar mit ihren Flüchen verfolgt. Unter anderem hat die Hexe den Himmel angefleht, dass Nard’Aniello bei dem ersten Kuss, den er von jemand anderem bekommt, ihre Tochter vergessen möge. Als Nard’Aniello nun nach langer Abwesenheit am Hof seiner Eltern erscheint, wo man ihn schon tot glaubte, schließt ihn die Mutter glücklich in die Arme, und kaum hat sie ihm einen ersten Kuss gegeben, hat Nard’Aniello Filadora vergessen. Ohne Zögern ist er bereit, die Frau zu heiraten, die die Mutter für ihn ausgesucht hat. Unterdessen wartet Filadora im Wirtshaus vergeblich auf ihren Bräutigam und macht sich schließlich, als Hausknecht verkleidet, auf an den Hof des Geliebten. Da die Hochzeit unmittelbar bevorsteht und alle Hände gebraucht werden, findet sie leicht eine Anstellung als Küchenjunge. Als auf dem Hochzeitsbankett die Speisen aufgetragen werden, befindet sich darunter auch eine von Filadora eigenhändig zubereitete Pastete, die allein schon durch ihren Anblick die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich zieht. Das allgemeine Entzücken steigert sich noch, als beim Anschneiden der Pastete eine schöne Taube aus dieser herausflattert. In all dem Oh und Ah bleibt unbemerkt, dass die Taube den Bräutigam anspricht: Sie erinnert ihn an seine Liebste Filadora, daran was diese für ihn getan hat und wie sie sich ihm ganz und gar anvertraut hat. Nach ihrer Standpauke entschwindet die Taube durchs Fenster und der Prinz sitzt da wie versteinert. Als er sich etwas gefasst hat, begibt er sich in die Küche und fragt, wer die Pastete zubereitet hat. Schließlich steht er vor seiner Filadora und die Erinnerung kommt mit Wucht zurück. Er begreift seinen Fehler und bittet alle drei Frauen – Filadora, seine Mutter und die von ihr ausgewählte Braut – um Verzeihung. Die Braut gesteht, dass sie keine große Neigung hatte, mit ihm die Ehe zu schließen, und die Mutter hat ohnehin nichts anderes im Sinn, als ihren Sohn glücklich zu sehen. Nard’Anniello heiratet seine Filadora. Als der Hochzeitsball sich dem Ende zuneigt, erscheint ein garstig aussehendes Wesen, das sich als der Geist der alten Frau herausstellt, welcher Nard’Aniello aus Übermut den Bohnentopf zerbrochen hat und die deswegen vor Hunger gestorben ist. Der Geist kündigt weitere Heimsuchungen an, doch Filodora beruhigt ihren Ehemann: er solle sich ganz auf sie verlassen, so könne der Geist ihm nichts mehr anhaben.

Motive

Während die Einleitung des Märchens, der im Übermut umgeworfene Bohnentopf der armen Frau, speziell ist, ist die Kette von schwierigen Aufgaben, die der Held lösen soll, ein außerordentlich weit verbreitetes Motiv. In diesem Fall ist es die Geliebte des Helden (und Tochter der bösen Gegenspielerin), die über magische Fähigkeiten verfügt und die Rolle der übernatürlichen Helferin einnimmt. Nur angedeutet ist hier das Motiv der magischen Flucht (vgl. etwa Die beiden Königskinder, Der Liebste Roland): die Hexe verfolgt das geflohene Paar nicht persönliche, sondern nur durch ihre Flüche. Der Schlussteil wird das Motiv der vergessenen Braut eingeleitet, das im Pentameron mehrmals vorkommt (Renza, Der Knoblauchgarten, Rosella, Die drei Kronen, Die drei Zitronen). Im Märchen von den drei Zitronen tritt auch die Taube als Botin der Wahrheit und der Liebe auf, jedoch ist diese dort die vergessene Braut selber, die sich in eine Taube verwandelt hat. Ein ähnliches Märchen bei den Brüdern Grimm ist Der Trommler.

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