Die goldene Wurzel

Das Märchen Die goldene Wurzel ist die vierte Erzählung des fünften Tages in Giambattista Basiles Pentameron (»Fünftagewerk«). Es gehört zum äußerst variantenreichen Märchentyp der Erzählung von Amor und Psyche, zu dem auch das Grimm’sche Märchen vom Löweneckerchen gehört. Das Grundschema ist immer, dass eine gewöhnliche Sterbliche (meist die Jüngste und Schönste von drei Schwestern) durch das Schicksal (meist verkörpert durch den Vater) zur Gefährtin eines Untiers oder Parias wird und mit diesem trotz der widrigen Umstände harmonisch in Abgeschiedenheit lebt, bis die isolierte Beziehung durch einen Tabubruch seitens der Frau zerstört wird. Sie muss dann den Gefährten, der in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz oder (im Falle von Amor) der Sohn einer Göttin ist, durch Bestehen überirdisch schwerer Prüfungen erlösen und zum Schluss meist noch eine Nebenbuhlerin (falsche Braut) ausschalten.

Illustration von Warwick Goble zu dem Märchen Die goldene Wurzel aus dem Pentamerone von Giambattista Basile
Die goldene Wurzel. Illustration Warwick Goble (Stories from the Pentamerone, Macmillan, 1911)

Eine Motivverwandtschaft lässt sich außerdem mit dem Märchen König Schwein aus der älteren Märchensammlung von Francesco Straparola erkennen. Dort tritt das Schwein direkt als Ehegatte auf, während es bei Basile nur die Vertreterrolle übernimmt, indem es die Braut zu ihrem Bräutigam hinführt.

Inhalt

Ein armer Bauer kauft für jede seiner drei Töchter ein Ferkel. Die sollen sie groß füttern, um wenigstens ein fettes Schwein als Mitgift zu haben. Die beiden älteren Schwestern führen ihre Ferkel auf eine schöne Wiese, verwehren aber Parmetella, der Jüngsten, den Zutritt. Notgedrungen geht diese mit ihrem Schwein in den Wald, wo sie auf einer Lichtung einen Baum mit goldenen Blättern erblickt. Sie bricht eins davon ab und bringt es dem Vater, mit der Bitte, nicht danach zu fragen, wo sie es her hat. Der Vater verkauft es, und so bessern sie ihren Haushalt etwas auf. Parmetella bringt dem Vater nun ein Blatt nach dem anderen, bis der Baum schließlich kahl ist. Nun bemerkt sie, dass der Baum auch eine goldene Wurzel hat. Als sie versucht, an die Wurzel heran zu kommen, bemerkt sie eine Treppe, die in den Erdboden führt. Neugierig steigt sie hinab.

Parmetella gelangt in einen unterirdischen Palast. Neben vielen Kostbarkeiten bemerkt sie einen reich gedeckten Tisch, und da sie hungrig ist, beginnt sie zu tafeln. Während sie am Essen ist, tritt ein Mohr zu ihr und fordert sie auf, dazubleiben: er wolle sie heiraten. Er überhäuft sie mit Geschenken, die großen Eindruck auf sie machen. Außerdem kündigt er an, dass er nachts zu ihr ins Bett kommen würde, sie solle nur ja tun, was er sagt — und vor allem auf keinen Fall das Licht anmachen. So geschieht es, doch was sie nicht sieht: der Mann, der sich im Dunkeln zu ihr ins Bett legt, ist kein Mohr, sondern ein schöner Jüngling.

Vor dem Morgengrauen verlässt er das gemeinsame Lager und nimmt wieder die Gestalt des Mohren an. Als er in der nächsten Nacht wiederkommt, kann Parmetella ihre Neugier nicht zügeln. Nachdem ihr Liebhaber eingeschlafen ist, zündet sich einen Schwefelfaden an, um ihn zu betrachten. Staunend sieht sie seine schöne Gestalt, die helle Haut und das fein geschnittene Gesicht. Doch bevor sie sich satt gesehen hat, wacht der Schöne auf und überhäuft sie mit Vorwürfen. Wegen ihrer Neugier müsse er nun noch einmal sieben Jahre in Gestalt des Mohren leben, hätte sie nur noch ein wenig länger seine Anweisungen befolgt, wäre er von seiner Strafe erlöst gewesen. Dann verstößt er sie.

Als Parmetella aus dem unterirdischen Gang wieder nach oben kommt, wird sie von einer Fee erwartet, die Mitleid mit ihr hat. Sie schenkt ihr sieben Spindeln, sieben Feigen, einen Topf Honig und sieben Paar Eisenschuhe. Dann erklärt sie ihr, was sie tun muss, um ihren Liebsten wiederzuerlangen. Und so durchwandert Parmetella sieben Jahre lang die Welt, bis sie die sieben Paar Eisenschuhe durchgetreten hat. Endlich gelangt sie zu dem von der Fee beschriebenen Schloss.

Von oben aus den Fenstern schauen sieben Frauen und spinnen. Die herabhängenden Fäden sind auf Knochen aufgewickelt, die von Parmetella heimlich durch ihre Spindeln, eingestrichen mit Honig und mit der Feige als Kopf, ersetzt werden. Als die Frauen diese Spindeln nach oben ziehen und an der Süßigkeit lecken, laden sie Parmetella, die sich versteckt hält, ein, nach oben zu kommen. Die lässt sich nicht eher darauf ein, als bis die Frauen »bei Donnerundblitz« schwören, sie nicht aufzufressen — so hat es ihr die Fee eingeschärft. Wie sich herausstellt, sind die Frauen die Schwestern ihres Geliebten, der wiederum besagter Donnerundblitz ist. Ihre Mutter ist eine Hexe und hat es noch immer auf Parmetella abgesehen.

Die Hexe stellt ihr eine Reihe von Prüfungen, stets in der Hoffnung, einen Grund zu finden, um sie zu vernichten. So muss das Mädchen einen riesigen Berg unterschiedlicher Hülsenfrüchte auseinander sortieren und eine gewaltige Menge Federn schleißen. Jedesmal kommt ihr Donnerundblitz mit seinen Zauberkräften zu Hilfe, obwohl er immer noch böse auf sie ist. Schließlich schickt die Hexe Parmetella zu ihrer Schwester, um Musikinstrumente für die Hochzeitsfeier ihres Sohnes (mit einer von ihr ausgesuchten Braut) zu holen. Aber natürlich hofft sie, ihre Schwester, die noch boshafter ist als sie, würde die verhasste Geliebte ihres Sohnes verschlingen. Wieder kommt ihr Donnerundblitz zur Hilfe, indem er ihr genau erklärt, was sie bei der bösen Tante zu tun und zu lassen hat.

Parmetella hält sich an alles, was er ihr gesagt hat — fast. Als sie die Instrumente hat und schon auf dem Heimweg ist, holt sie sie, wieder einmal neugierig, aus dem Futteral. Genau davor hatte sie Donnerblitz gewarnt. Die aus dem Futteral befreiten Instrumente fangen an, auf Parmetella einzuprügeln, bis sie von Donnerundblitz zurückgepfiffen werden. Erneut hat sie ein Verbot missachtet, doch immerhin ist sie am Leben geblieben. Nun muss sie mit ansehen, wie ihr Geliebter im Begriff ist, eine andere zu heiraten.

Als die Braut eintrifft, veranstaltet die künftige Stiefmutter ein Begrüßungsfest. Bei dieser Gelegenheit will sie Parmetella loswerden, indem sie sie in einen Brunnen schubst. Doch dieser Plan misslingt. Donnerundblitz fragt sie, ob sie ihn liebt, und sie antwortet mit ja. Daraufhin verlangt er von ihr einen Kuss, den sie entrüstet verweigert, da er eine Andere heiraten wird. Die falsche Braut lacht sie dafür aus und lässt fallen, dass sie selbst schon so manchen hübschen Burschen geküsst hätte. Daraufhin erdolcht Donnerundblitz die lose Dirne und bekennt sich zu Parmetella. Die Hexe gerät darüber in solche Wut, dass sie mit dem Kopf solange gegen eine Mauer rennt, bis sie ihr Leben aushaucht.

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