Die drei Zitronen

Die drei Zitronen

Märchen aus dem Pentameron von Giambattista Basile

Dieses Märchens findet sich in vielen Varianten überall in Süd- und Südosteuropa (Märchentyp ATU 408: Mädchen in Frucht/Pflanze verwandelt). Bekannt ist der Stoff bei uns v.a. auch durch Sergej Prokofjews Oper »Die Liebe zu den drei Orangen«.

Inhalt

Ein alter König setzt all seine Hoffnung auf seinen geliebten, einzigen Sohn, und wünscht sich vor allem, dass der sich endlich zum Heiraten entschließt. Doch zu seinem Unglück ist der Sohn eigensinnig und will von Frauen nicht einmal hören. Weder die Bitten der Untertanen noch die klugen Ratschläge der Höflinge können den jungen Mann erweichen. Doch eines Tages, wie durch ein Wunder, kommt es zu einem Sinneswandel: der Prinz isst einen zarten, milchig-weißen Käse und schneidet sich dabei versehentlich in den Finger. Die Farbkombination aus seinen Blutstropfen und dem Käse versetzt in solches Entzücken, dass er, von Amors Pfeil getroffen, beschließt, in die Welt hinaus zu ziehen, um eine Frau für sich zu finden,

die gerade so weiß und rot wäre wie der von seinem Blut gefärbte Käse

Der arme Vater hält seinen Sohn ob dieser 180°-Wendung für verrückt und versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Doch vergebens, ebenso so stur, wie er zuvor das Heiraten abgelehnt hat, macht er sich nun auf die abenteuerliche Reise. Dem König bleibt nichts anderes übrig, als ihn bestmöglich auszustatten und ihn ziehen zu lassen. Der eigensinnige Prinz durchstreift also rastlos Wälder und Felder, überquert Berge und Täler, immer Ausschau haltend nach der Frau, die seinen Wünschen entspricht. Schließlich gelangt er auf die Hexeninsel, wo er eine hässliche, alte Frau trifft, die ihn warnt: sollte er seinen drei Töchtern in die Hände fallen, müsse er damit rechnen, von ihnen verspeist werden. Er möge sich also schnell davon machen, doch nicht weit von hier, würde er das Gesuchte schon finden. Zunächst aber findet der Prinz eine weitere hässliche, alte Frau, die ganz ähnliche Töchter hat wie die erste und die ihm ebenfalls dringend rät, sich davon zu machen. Doch dann trifft er eine dritte alte Frau, die recht freundlich ist und ihm ein köstliches Frühstück vorsetzt. Zum Abschied schenkt sie ihm drei Zitronen mit den Worten, er hätte nun das, wonach es ihm verlangt. Sobald er sich seiner Heimat (Italien) nähert, solle er an einer Quelle eine der Zitronen aufschneiden. Es würde dann eine Fee aus der Zitrone heraus kommen, die so ausschaut, wie er sich seine Braut wünscht. Doch er müsse ihr schnell zu trinken geben, sonst würde sie verdursten.

Die drei Zitronen, Märchen von Giambattista Basile. Märchenbilder von Warwick Goble

Die drei Zitronen, Illustration Warwick Goble, 1911

Der Prinz macht sich mit den Zitronen auf den Heimweg und als er nahe der Heimat eine schattige Quelle findet, schneidet er eine der Zitronen auf. Heraus tritt ein wunderschönes Mädchen mit weißer Haut und rotem Erdbeermund. Sie bittet: Gib mir zu trinken, doch der Prinz, so nah am Ziel seiner Wünschen, ist so verdutzt, dass er ihr das Wasser nicht schnell genug reichen kann, und so verschwindet sie so schnell wie sie gekommen. Mit der zweiten Zitrone ergeht es ihm nicht besser, was ihn fast verzweifeln lässt. Nun hat er nur noch eine einzige Chance. Die Fee aus der dritten Zitronen bekommt von ihm das gewünschte Wasser, und er hat nun endlich seine Traumfrau gefunden. Doch bevor er sie heim führt möchte er ihr angemessene Kleider und Prunk besorgen. Deshalb bittet er sie, sich auf einer Eiche zu verstecken und dort auf ihn zu warten. Nachdem er gegangen ist, kommt eine Mohrensklavin zur Quelle, um dort Wasser zu holen. Wie sie sich über das Wasser beugt, sieht sie dort das Spiegelbild der von der Eiche herunter schauenden Jungfrau — und hält es für ihr eigenes. Sie meint nun, da sie so schön sei, hätte sie es nicht nötig, für andere Leute Wasser zu holen. Sie zerbricht ihren Krug und kehrt ohne Wasser zu ihrer Herrin zurück. Die lässt es durchgehen, schickt sie jedoch am nächsten Tag mit einem ganzen Fass. Wieder sieht die Mohrin ihr vermeintliches Spiegelbild auf dem Wasser, was ihren Stolz weiter nährt. Sie zerbricht das Fass, wird dafür von der Herrin verprügelt und am nächsten Tag mit einem Schlauch zur Quelle geschickt. Als sie wieder das schöne Gesicht auf dem Wasser sieht, sticht sie den Schlauch wieder und wieder mit einer Haarnadel, dass das Wasser aus vielen Löcher hervor tritt. Das sieht so lustig aus, dass die Fee auf dem Baum laut lachen muss. Der Mohrin wird nun klar, wie sehr sie sich getäuscht hat. Heimtückisch fragt sie die zutrauliche Fee über die Umstände aus, die sie da oben auf dem Baum hocken ließen. Schmeichlerisch bietet sie ihr an, das schöne, goldene Haar zu kämmen, doch kaum auf dem Baum sticht sie ihr eine Nadel in die Schläfe. Der gelingt es gerade noch, sich in eine Taube zu verwandeln und davon zu fliegen.

Als der Prinz zurückkehrt, ist er sehr betrübt, anstelle des schönen, weißen Mädchens die unansehnliche Mohrin vorzufinden. Sie behauptet, verzaubert worden zu sein, und so — versprochen ist versprochen — fügt sich der Prinz in sein Schicksal, hüllt die Mohrin in königliche Kleider und kehrt zu seinen Eltern zurück. Die sind zwar entsetzt, dass ihr Sohn um die halbe Welt gereist ist, um schließlich diese Frau heim zu führen, doch da sie den Prinzen ohnehin für verrückt halten, wird die Hochzeit vorbereitet. Währenddessen kommt eine schöne, weiße Taube ans Küchenfenster geflogen und erkundigt sich dem Prinzen und seiner Braut. Nachdem sich das ein paar Mal wiederholt hat, ist der Mohrin klar, dass die weiße Taube niemand anderes ist, als die wahre Braut, und deshalb lässt sie sie schlachten. Der Koch gießt das Brühwasser samt Federn aus dem Fenster auf ein Gartenbeet, und an dieser Stelle wächst auf wundersame Weise ein wunderschöner Zitronenbaum. Als nun der junge König diesen Baum sieht, der zuvor nicht dort stand, ahnt er, was es damit auf sich hat. Er wartet, bis die Zitronen groß genug sind um sie zu ernten. Drei nimmt er mit auf sein Zimmer. Als er die ersten beiden aufschneidet, ergeht es den ersten beiden Feen wie damals an der Quelle. Doch die dritte versorgt er sofort mit Wasser, sodass er am Ende doch noch mit seiner schönen, weißen Braut vereint ist. Die böse Mohrin aber spricht ihr eigenes Todesurteil.

Motive

Am Anfang des Märchens steht das Symbol der Blutstropfen, die — in Verbindung mit dem Käse — die Handlung in Gang bringen. Das Blut symbolisiert das Leben schlechthin. Die Weigerung des Prinzen, zu heiraten und den eigenen Stammbaum fortzuführen, ist im Grunde eine Verweigerung des Lebens. Deutlicher ist dies in Prokofjews Oper Die Liebe zu den drei Orangen ausgeführt, wo der Prinz an Schwermut (Depressionen) leidet. Der Anblick seines eigenen Blutes auf dem weißen Käse, der für die künftige Braut steht, weckt den Prinzen aus seiner Lethargie bzw. Verweigerungshaltung. Das Motiv »Blutstropfen« auf zartem Weiß kennen wir natürlich v.a. aus Schneewittchen.

Die lange Reise durch unwirtliche Gegenden ist der Weg der Reifung, den der Jüngling erst zurücklegen muss, bevor er das Ziel seiner Wünsche erreicht (siehe Suchwanderung). Doch vor dem Glück stehen noch Prüfungen an: es genügt nicht, dass er die verheißungsvollen Zitronen in seinen Besitz gebracht hat; er muss zunächst auch noch lernen, die aus der Frucht steigende Frau so zu behandeln, dass sie bei ihm bleibt. Durch ihre Herkunft aus der Frucht genügt die Frau mit der weißen Haut nicht nur äußerlich den hohen Ansprüchen des Prinzen. Ihre Reinheit ist vollkommen, ist sie doch entstanden durch unbefleckte Empfängnis. Man kann das Auftauchen der Frau aber auch als einen Schritt in einem Kreis von Verwandlungen sehen: aus der Frucht wird ein Mensch, aus dem Menschen ein Tier (Taube), aus der Taube eine Pflanze (Zitronenbaum) und aus deren Frucht wieder ein Mensch.

Der letzte Teil des Märchens variiert das Motiv der vergessenen Braut (vgl. Die wahre Braut), die sich dem Bräutigam erst nach dessen Eheschließung mit einer Anderen in Erinnerung bringt und ihn in verwandelter Gestalt zurück erobert.

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