Der Rabe

Der Rabe

Märchen aus dem Pentameron von Giambattista Basile (neuntes Märchen des vierten Tages). Ein sehr ähnliches Märchen ist Der treue Johannes von den Brüdern Grimm.

Inhalt

Der junge König Millucio liebt das Jagen mehr als das Regieren. Eines Tages führt ihn der Zufall in einen dunklen Wald, wo er auf einem schneeweißen Marmorstein ein frisch getöten Raben findet. Der Anblick des purpurroten Blutes und des schwarzen Gefieders auf dem weißen Stein weckt in ihm eine tiefe Sehnsucht — nach einer Frau, so weiß wie der Stein, mit  Lippen rot wie Blut und schwarzen Haaren. Das Fantasiebild in seinem Kopf lässt ihn an nichts anderes mehr denken, und die Sehnsucht unstillbar scheint, wird er immer trauriger. Sein Bruder Jennariello forscht nach der Ursache und ist, als er von dem Herzenswunsch des Königs erfährt, fest entschlossen, die Frau zu suchen, die jener begehrt.

Giambattista Basile, Pentameron: Der Rabe. Illustration Warwick Goble

Der Rabe. Illustration Warwick Goble

Als Kaufmann gekleidet segelt Jennariello nach Venedig und von dort weiter nach Kairo. In der Stadt begegnet ihm ein Mann, der einen wunderschönen Falken trägt. Da sein Bruder die Falknerei so liebt, kauft er dem Mann den Falken ab, um ihn als Geschenk mit nach Hause zu nehmen. Bald darauf trifft er einen anderen Mann mit einem herrlichen Pferd, dass er ebenfalls für seinen Bruder als Geschenk kauft. Am nächsten Morgen durchwandert er die Stadt auf der Suche nach einer Frau, die dem Bild im Kopf seines Bruders entspricht. Schließlich führt ihn ein Bettler zum Haus eines Zauberers. Mit der Bitte um ein Almosen lockt der Bettler die Tochter des Zauberers vor die Tür, damit Jennariello sie in Ruhe in Augenschein nehmen kann. Und tatsächlich gleicht die Schöne jenem Bild auf’s Haar, das dem Bruder Millucio im Kopf herumspukt. Also fasst Jennariello den Entschluss, die Tochter des Zauberers zu entführen. Mit einem Kasten voller Putzkram wird er in seiner Verkleidung als Kaufmann bei der Schönen vorstellig, die tatsächlich ganz begeistert von den schönen Kämmen, Tüchern, Bändern, Ohrgehängen usw. ist. Listig winkt Jennariello ab — dies sein nur gewöhnlicher Tand, nichts für eine Dame wie sie. Die wirklich schönen Dinge lägen sicher verstaut auf seinem Schiff, und wenn sie möchte, würde er ihr gern die Kostbarkeiten zeigen. Natürlich möchte sie. Zusammen mit ihrer Zofe besucht sie das Schiff, und während sie die Kästen und Truhen durchstöbert, lässt Jennariello ablegen.

Als sie sich ihrer Situation bewusst wird, ist sie kurzzeitig verzweifelt, doch bald schon findet sie Gefallen an der Aussicht, bald den Bruder von Jennariello, einen König, zu heiraten. Dann gerät das Schiff in einen schweren Sturm, und Jennariello steigt auf den Mast, um Ausschau zu halten, ob irgendwo Land in Sicht ist. Da beobachtet er, wie sich ein Taubenpaar auf eine Segelstange setzt und eine Unterhaltung beginnt. Was der Täuberich seiner Frau erzählt, macht ihn todtraurig: der Täuberich bedauert, den armen Prinzen, der einen schönen Falken und ein herrliches Ross für seinen Bruder gekauft hat. Denn der Falke würde dem Bruder die Augen auskratzen und das Ross ihn abwerfen, wobei sich Hals und Bein brechen würde. Doch würde der Prinz dem Bruder die Geschenke nicht übergeben oder ihn zumindest warnen, so würde er selbst auf der Stelle zu Stein. Das schlimmste Unheil aber droht durch die Frau, die der Prinz aus fernem Lande für seinen Bruder geholt hat: in der Hochzeitsnacht würden Braut und Bräutigam von einem Ungeheuer verschlungen. Und sollte der Prinz seinem Bruder die Braut nicht überbringen oder ihn warnen, würde er auch in diesem Fall auf der Stelle zu Stein.

Bedrückt erreicht Jennariello den heimatlichen Hafen, wo ihn der Bruder schon sehnsüchtig erwartet. Er glaubt, dem Schicksal entrinnen zu können, das ihm der Täuberich verkündet hat: Unmittelbar, nachdem er dem Bruder den Falken überreicht hat, zieht er ein Messer und schneidet dem Vogel den Kopf ab. König Millucio ist irritiert, sagt jedoch nichts, um die Wiedersehensfreude nicht zu trüben. Ähnlich ergeht es dem Pferd: Kaum dass er dieses Geschenkt überreicht hat und der Bruder aufsitzen will, durchtrennt er die Beine des edlen Tiers. Diesmal kann der König seinen Ärger nur mit Mühe herunterschlucken. Nur aus Rücksicht auf die schöne Braut vermeidet er einen Eklat. In der Hochzeitsnacht seines Bruders versteckt sich Jennariello im Zimmer, um das Ungeheuer zu erwarten und zu töten. Wie vom Täuberich vorhergesagt erscheint selbiges um Mitternacht. Jennariello steht mit seinem Schwert bereit und haut es entzwei. Das erschlagene Ungeheuer verschwindet, jedoch erwacht Millucio von dem Krach. Als er seinen Bruder mit erhobenem Schwert erblickt, kann er nicht anders, als an Mordabsicht zu glauben. Zusammen mit seinen Räten und eingedenk der Vorfälle mit dem Pferd und dem Falken, verurteilt er seinen Bruder zum Tode. Nun, da er ohnehin sterben muss, beschließt Jennariello, dem Bruder die Wahrheit zu sagen. So erstarrt er, wie vorhergesagt, zu Stein, während Millucio seinen unschuldigen Bruder beweint.

Seine Frau bringt nach einem Jahr zwei Knaben zur Welt. Als sie einmal spazieren ist und er allein mit den Jungen ist, erscheint ein Greis mit wallendem Haar im Zimmer und fragt ihn, was er darum gäbe, seinen Bruder wieder aus Fleisch und Blut um sich zu haben. Millucio antwortet, er gäbe sein ganzes Königreich. Doch das ist es nicht was der Alte will. Ein Leben könne nur zurück gewonnen, wenn anderes Leben dafür geopfert werde. Und zwar das der beiden Kinder. Millucio ist dazu bereit, wenn auch schweren Herzens. Kinder, so sagt er sich, würde er wieder neue haben können, einen Bruder jedoch nicht. Also erdolcht er seine eigenen Kinder und streicht ihr Blut auf den Stein, woraufhin Jennariello lebendig vor ihm steht. Als seine Frau nach Hause kommt, kann sie ihr Unglück nicht fassen und will sich verzweifelt aus dem Fenster stürzen. Da kommt ihr Vater, der Zauberer, herangeschwebt, und meint, sie solle es gut sein lassen. Er hätte nun erreicht, was er wollte. Jennariello, der sie entführt hat, ist in einen Stein verwandelt, Millucio, der sie begehrt hat, ist durch den Verlust des geliebten Bruders gestraft, und sie selbst, die aus Putzsucht einfach auf ein fremdes Schiff gegangen war, beweint nun ihre eigenen Kinder. Damit ist sein Rachebedürfnis gestillt, und er mag seine Tochter und seinen Schwiegersohn nicht mehr leiden sehen. Jenariello und die beiden Kinder werden wieder lebendig und alle umarmen sich.

Motive, Interpretation

Eigentümlich ist an diesem Märchen zunächst, dass der Fokus vom Helden (König Millucio) zu dessen Helfer (Bruder Jennariello) verrutscht. Zwar ist es Millucio, der in der Eingangsszene den Raben erblickt und am Ende die begehrte Frau bekommt, doch wird die Handlung über weite Strecken aus der Perspektive von Jennariello erzählt. Besonders durch die Schlüsselszene, in der Jenarriello den Unheil verkündenden Täuberich belauscht, wird sein Gewissenskonflikt mit einer für Märchen bemerkenswerten und untypischen Intensität deutlich. In der Fassung der Brüder Grimm (Der treue Johannes) spiegelt sich die Bedeutung des Helfers als der eigentliche Held der Geschichte im Titel des Märchens wieder: der treue Johannes ist der Diener (nicht der Bruder wie bei Basile) des jungen Königs. Hingegen verweist der Titel von Basiles Märchen auf das Motiv der Eingangsszene: den verblutenden schwarzen Raben auf dem weißen Stein. Die Farbkombination weiß-rot, die bei dem jungen Helden die Sehnsucht nach einer Frau weckt, tritt bei Basile noch einmal im letzten Märchen des Pentamerone auf (Die drei Zitronen: aus einer Schnittwunde im Finger auf weißen Käse tropfendes Blut). Während Weiß für Reinheit und Rot für Leidenschaft steht, kommt mit dem Schwarz des Raben (bei den drei Zitronen: die schwarze Haut der bösen Mohrin) das Unheil hinzu. Dass Basile den Raben für den Titel des Märchens gewählt hat, erscheint etwas rätselhaft, da die Geschichte im weiteren Verlauf nicht mehr darauf zurückkommt. Die Betonung des Rabens lässt jedenfalls die Interpretation zu, dass die eigentliche Geschichte, die in diesem Märchen erzählt wird, nicht die von der alles überragenden Bruderliebe ist (bzw. der Treue des Dieners gegenüber seinem Herrn bei den Brüdern Grimm), sondern die Entwicklung des Helden, dessen Sexualität in der Eingangsszene erwacht, jedoch zunächst mit Tod, Verderben und Erstarrung verbunden ist. Bruder Jenarriello wäre dann als ein Teil seiner selbst zu interpretieren, was die Frage, wer in diesem Märchen eigentlich der Held ist, auflösen würde.

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