Der Meisterdieb (Straparola)

Der Meisterdieb (Straparola)

Das Märchen vom Meisterdieb, der von einer Autoritätsperson genötigt wird, Proben seines Könnens abzuliefern (siehe auch Prüfungen im Märchen), tritt in unterschiedlichen Varianten in vielen Erzählkulturen auf und ist u.a. auch in den Geschichten aus Tausenundeiner Nacht sowie in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm verschriftlicht. Die in den »Ergötzlichen Nächten« von Giovanni Francesco Straparola enthaltene Geschichte vom Meisterdieb Cassandrino ist wahrscheinlich die älteste Quelle, die auch den Brüdern Grimm bekannt war, denn die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht (mit einer sehr ähnlichen Version des Meisterdiebs) gelangten erst später in den europäischen Kulturraum als die Märchensammlung des Italieners. Dessen Version ist eine typische Schelmengeschichte, die ganz ohne moralisierende »Einkleidung« auskommt. Bei den Grimms und anderen europäischen Volksmärchensammlungen jener Zeit (etwa bei Asbjörnsen und Moe) wird  eine »Entschuldigung« für das unredliche Tun vorausgeschickt: der Dieb wird durch seine Armut zum Stehlen genötigt. Für Straparolas Cassandrino dagegen ist das Stehlen eine intellektuelle Herausforderung, er ist sozusagen ein Künstler seines Fachs, der stiehlt, um andere mit seinem Können zu beeindrucken und zu ergötzen. Hier die Geschichte:

Inhalt

In Perugia lebt ein Taugenichts namens Cassandrino, der schon vielen Bewohnern üble Streiche gespielt und ihnen dieses und jenes gestohlen hat. Schon viele Klagen in dieser Angelegenheit sind dem Stadtrichter zu Ohren gekommen, doch ausgerechnet dieser Stadtrichter hegt eine gewisse Bewunderung für den Dieb, ja sogar väterlich-freundschaftliche Zuneigung. Cassandrino geht im Palast des Richters ein und aus, als gehörte er zu dessen Haushalt. Der Richter genießt Cassandrinos unterhaltsame Gesellschaft, nicht ohne ihn hin und wieder zu ermahnen, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren. Eines Tages bringt der Richter das Gespräch auf das Gerücht über einen jungen Mann, der angeblich so mit Schlauheit begabt ist, dass er alles, und sei es noch so gut gesichert, heimlich stibitzen könne. Und er meint auch, bei diesem jungen Mann könne es sich wohl nur um sein Gegenüber, also Cassandrino, handeln. Der gibt sich schwer enttäuscht darüber, dass sein Gönner ihm solche Schlechtigkeit zutraut, und ziert sich ein wenig, als der Richter ihn um eine Probe seines Könnens bittet. Der Richter verspricht Cassandrino 100 Goldflorinen, wenn der es schafft, sein Bett (nachts, während er darin schläft) aus dem Schlafzimmer zu stehlen.

Cassandrino gelingt es auf abenteuerliche Weise, diese Probe zu bestehen. Dazu gräbt er einen frisch verstorbenen Bettler wieder aus, zieht dem Toten seine Kleider an, schleppt ihn zum Palast des Richters und hievt ihn aufs Dach, wo er über dem Schlafzimmer beginnt, ein Loch ins Dach zu brechen. Der Richter, der in seiner Kammer nur darauf wartet, wie es Cassandrino wohl anstellen wird, sein Bett zu stehlen, erschrickt fürchterlich, als plötzlich der tote Bettler durch das Loch ins Zimmer fällt. Da der Bettler Casandrinos Sachen trägt, hält er ihn im Dämmerlicht für Cassandrino, und ist noch mehr entsetzt, als er feststellen muss, dass der ins Zimmer Gestürzte tot ist. In der festen Überzeugung, dass er wegen seines kindischen Wunsches nach einer Diebesprobe daran schuld ist, dass sich Cassandrino das Genick gebrochen hat, bemüht er sich um Schadensbegrenzung: keinesfalls will er mit Cassandrinos Tod in Verbindung gebracht werden. Also verscharrt er den Toten mit Hilfe eines Dieners im Garten. Genug Zeit für Cassandrino, das Bett des Richters zusammenzupacken und aus dem Haus zu tragen. Als der Richter aus dem Garten zurückkommt, begreift er sofort, dass er genarrt wurde.

Am nächsten Tag tritt Cassandrino mit Unschuldsmiene vor den Richter und lässt sich zum Ärger des Richters nicht zu einer näheren Erklärung herbei. Der Richter verlangt, anstatt die versprochenen 100 Goldflorinen auszuhändigen, für 100 weitere Goldflorinen eine zweite Probe. Diesmal ziert sich Cassandrino noch mehr und jammert, dass der Richter wohl seinen Untergang wolle. Der Richter wird ärgerlich und droht, ihn aufhängen zu lassen (immerhin hat er ja einiges gegen ihn in der Hand). Also willigt Cassandrino ein — aber nur um den Richter zufriedenzustellen — nachts des Richters Lieblingspferd aus dem gut bewachten Stall zu stehlen. Auch diese Probe meistert der listige Cassandrino, und das, obwohl der Richter extra einen Aufpasser auf dem Rücken des Pferdes platziert hat. Doch der Aufpasser ist eingeschlafen, was Cassandrino auf die Idee bringt, das Pferd durch vier Holzpflöcke zu ersetzen, welche er vorsichtig unter den Sattel schiebt. So schlummert der Wachmann seelig weiter, während Cassandrino das Pferd entführt.

Aller guten Dinge sind aber drei, und so gibt sich auch der Richter mit diesem zweiten Meisterstück nicht zufrieden. Wiederum unter Androhung der Todesstrafe verlangt er eine dritte Probe. In einem nahegelegenen Dorf lebt ein besonders tugendhafter Priester. Allerdings ist der, wie der Stadtrichter weiß, kein besonders heller Kopf, und deshalb bestens geeignet als Opfer für einen weiteren Streich des Meisterdiebs. Der Richter wünscht, dass Cassandrino ihm den Priester in einem Sack in seinen Palast bringt. Dafür verspricht er ihm zu den bereits verdienten 200 Goldflorinen 200 weitere, doch schafft er es nicht … nun ja. Solchermaßen bedroht bleibt Cassandrino gar nichts anderes übrig, als den frommen und übereifrigen Priester Severino zu kidnappen. Dazu verkleidet er sich als Engel (Chorhemd, Flügel aus Pappe und ein Diadem als Kopfschmuck) und zeigt sich in diesem Aufzug zuerst dem Chorknaben. Er hält einen Sack auf und spricht den Jungen mit monotoner Stimme an: Wer ins Himmelreich eingehen möchte, der solle in diesen Sack kriechen. Ins Himmelreich möchte der Chorknabe schon gerne, doch hält er es für besser, zunächst den Priester von der übernatürlichen Erscheinung zu unterrichten. Genau dies war der Plan des listigen Cassandrino, denn als nun der Chorknabe zusammen mit Severino zurückkommt, hat es Letzterer sehr eilig, als erster ins Himmelreich zu kommen. Cassandrino schnürt den Sack zu und begibt sich zum Richter. Der kann sich nur mit Mühe das Lachen angesichts des schimpfend aus dem Sack steigenden Priesters verkneifen, und es bleibt ihm nun nicht anderes mehr übrig, als Cassandrino die versprochenen 400 Goldflorinen zu überlassen, nicht ohne ihn ein letztes Mal mahnende Worte mit auf den Weg zu geben. Das Ende der Geschichte geht so:

Cassandrino nahm die vierhundert Goldstücke, dankte dem Stadtrichter geziemend und verabschiedete sich von ihm. Darauf wandte er sich dem Kaufhandel zu, wurde ein besonnener Mann und hatte Glück auch in großen Unternehmungen.

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