Die Mahlzeit des Geistlichen

Die Mahlzeit des Geistlichen

aus Irische Elfenmärchen (1825)
Originaltitel Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland, Hg. Thomas Crofton Croker
übersetzt von den Brüdern Grimm, mit umfangreicher Einleitung versehen von Wilhelm Grimm

Inhalt

An einem Herbstabend, irgendwo an einem kargen Ort im County Cork, tanzt im Mondschein eine muntere Elfengesellschaft. Einer der Elfen hört einen Menschen nahen:

Geschwind, geschwind hört auf zu sausen,
laßt euer tolles, wildes Brausen;
ich wittre einen, der kommt heran,
ich wittre einen geistlichen Mann!

Mit einem Geistlichen wollen die Elfen lieber nichts zu tun haben, und schon sind sie hinter Brombeersträuchern, Fingerhut (ihrer Lieblingspflanze) und Steinen verschwunden. Tatsächlich ist es ein Geistlicher, Vater Horrigan, der da des Weges kommt. Da es schon spät ist, beschließt er, an der erstbesten Hütte anzuklopfen. Es ist die Hütte von Dermod Leary, einem armen aber frommen Mann, der ihn herzlich willkommen heißt. Dermod bekümmert lediglich, dass er dem Geistlichen kein besseres Mahl vorsetzen kann, als ein paar gekochte Kartoffeln. In der vagen Hoffnung, es könnte bereits ein Fisch in dem Netz zappeln, das er eben erst ausgelegt hat, geht er noch einmal zum Fluss. Tatsächlich sieht er dort einen schönen Lachs, doch als er ihn greifen will, scheint eine unsichtbare Hand das Netz zerschnitten zu haben. Fluchend, der Teufel selbst habe wohl des Netz zerschnitten, wird er von den Elfen angesprochen. Er solle eine schöne Mahlzeit für seinen Besucher haben, wenn er ihm ihre drängendste Frage überbringt: Sie wollen wissen, »ob ihre Seelen am Jüngsten Tag begnadigt werden gleich den Seelen guter Christen«. Dermod lehnt es ab, von ihnen ein Geschenk zu nehmen, ist aber bereit, die Frage zu stellen.

Vater Horrigan ahnt gleich, dass die Elfen selbst ihn geschickt haben. Dermod möge den Elfen Folgendes überbringen: Wenn sie bereit seien, selbst zu ihm zu kommen, so würde er alle ihre Fragen beantwortet. Als Dermod mit dieser Antwort vor die Elfen tritt, stieben sie in wilder Flucht in alle Richtungen auseinander. Dermod kehrt in seine Hütte und zu seinen trockenen Kartoffeln zurück, immerhin geistlich gestärkt, denn die Flucht der kleinen Feiglinge zeigt, welche Kraft die Worte des Geistlichen haben. Allerdings, »schade um den schönen Lachs«, das denkt er doch.

Anmerkung

Die Geschichte vom Geistlichen zeigt, dass die irischen Elfen nicht in einer isolierten Geisterwelt leben, sondern unbefangen in den katholischen Glauben intergriert werden. Demnach sind Elfen aus dem Himmel verstoßene Engel, für die die Erde eine Art Warteschleife ist, in der sie, nicht ohne Sorge, ihrem endgültigen Schicksal — Himmel oder Hölle — entgegensehen. Die Unklarheit über ihr Seelenheil erklärt wohl auch ihr zwiespältiges Wesen, manchmal boshaft und heimtückisch, manchmal aber auch freundlich und hilfreich.

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