Der gelbe Zwerg

Der gelbe Zwerg

Feenmärchen von Marie-Catherine d’Aulnoy (* 1650, 1705). Die Fee ist in diesem Märchen ausnahmsweise einmal keine gute Fee, sondern die boshafte Gegenspielerin einer Prinzessin. Auch der gelbe Zwerg ist kein freundlich gesinnter Helfer; vielmehr ist er der eigentliche Schurke, der es auf die Prinzessin abgesehen hat und für seine Zwecke die Fee als Komplizin einspannt. In Anbetracht solch geballter Boshaftigkeit verwundert es nicht, dass dieses Märchen kein gutes Ende nimmt.

Inhalt

Eine Königin möchte ihre einzige Tochter verheiraten, doch die sträubt sich. Daher beschließt die Königin, die Einödfee um Hilfe zu bitten, was kein einfaches Unterfangen ist. Denn die Einödfee ist kein besonders umgängliches Wesen, sondern (auch wenn sie beliebig ihre Gestalt wechseln kann) in ihrem tiefsten Herzen eine Furie. Um darüber keinen Zweifel aufkommen zu lassen, erscheint sie den Menschen stets in Begleitung zweier Löwen. Deshalb nimmt die Königin für die Löwen spezielle Kuchen mit, als sie sich zu der Fee begibt. Unterwegs überkommt sie plötzlich große Müdigkeit, und sie lässt sich unter einem Orangenbaum zu einem kurzen Schlummer nieder. Sie erwacht vom Brüllen der Löwen und sieht mit Schrecken, dass ihre mitgebrachten Kuchen verschwunden sieht. Und gleich folgt der nächste Schreck, als sie von einem hässlichen gelben Zwerg angesprochen wird, der über ihr in den Zweigen des Orangenbaums sitzt. Ohne Zweifel war er es, der die Kuchen weggenommen hat, und nun fragt er die Königin hämisch, wie sie gedenke, heil von hier wegzukommen. Um sogleich ein Angebot nachzuschieben, das die Königin nicht ablehnen kann: Wenn sie ihm die Hand ihrer Tochter verspricht, würde er sie retten. Die Königin willigt ein, um ihr Leben zu retten. Kaum hat sie ihr Wort gegeben, fällt sie vor Entsetzen in Ohnmacht, aus der sie in ihrem eigenen Bett liegend wieder erwacht.

Vielleicht war alles nur ein böser Traum, denkt sie, doch unübersehbar wird sie seit dieser Begebenheit (oder diesem Traum) immer melancholischer. Die Prinzessin sorgt sich um ihre Mutter und fasst den verhängnisvollen Entschluss, ausgerechnet die Einödfee um Rat zu fragen. Auch sie nimmt Kuchen zur Besänftigung der Löwen mit, und auch sie macht ein Schläfchen unter dem Orangenbaum. Mit den gleichen Folgen: als sie aufwacht und die Löwen brüllen, sind die Kuchen weg. Im Baum sitzt der Zwerg und isst Orangen. Ohne Umschweife erklärt er der Prinzessin, dass sie nicht zur Einödfee gehen müsse, um den Grund für die Traurigkeit ihrer Mutter zu erfahren. So erfährt die Prinzessin von dem Versprechen ihrer Mutter, sie mit dem gelben Zwerg zu verheiraten, was schon entsetzlich genug ist. Doch ganz in der Nähe brüllen die Löwen, sie hat keine Kuchen und muss nun selbst dem Zwerg das Eheversprechen geben. Daraufhin versinkt sie in Ohnmacht, erwacht in ihrem Bett und trägt an ihrem Finger einen höchst sonderbaren Ring: ein einzelnes rotes Haar, das sie beim besten Willen nicht abstreifen kann. Auch sie wird melancholisch, doch immerhin bewirkt die Gemütsänderung, dass sie ihre Meinung über das Heiraten ändert. Einer ihrer Verehrer, der Königin der Goldminen, schönt doch ein ganz passabler Kandidat zu sein, und als sie ihn ein wenig kennenlernt, verliebt sie sich sogar.

Der gelbe Zwerg, Märchen von Madame d'Aulnoy, Illustration Warwick Goble

Der gelbe Zwerg, Märchen von Madame d’Aulnoy, Illustration Warwick Goble

Als das Paar zum Altar schreitet, stellt sich ihnen plötzlich eine hinkende Alte in den Weg. Neben ihr steht eine Kiste, aus der der gelbe Zwerg, auf einer fauchenden Katze reitend, geschossen kommt. Er fordert den Bräutigam zum Zweikampf, und während sie draußen fechten, verletzt die böse Fee die Braut mit ihrer Lanze. Anschließend wird sie von dem gelben Zwerg entführt. Die Einödfee jedoch hat sich in den tapferen König verliebt und versucht mit allen Mitteln, ihn für sich zu gewinnen. Sie entführt ihn in einen Palast, der an die rauhe See grenzt. Als er dort spazieren geht, erscheint eine Meerjungfrau und bietet ihre Hilfe an. Auf ihrem Fischschwanz reitend erreicht er den Ort, wo der garstige Zwerg seine Prinzessin gefangen hält. Die Meerjungfrau gibt ihm ein Zauberschwert und ermahnt ihn, das Schwert nicht aus der Hand zu legen, bevor er den gelben Zwerg besiegt hat. Der König erledigt mit dem Schwert zwei Sphinxen, sechs Drachen und mehrere Sirenen. Schließlich steht er vor seiner Prinzessin, doch die glaubt, er habe sich mit der Fee eingelassen. Als er sich vor ihre Füße wirft und dabei kurz das Schwert aus den Augen lässt, ergreift es der Zwerg und stößt es ihm ins Herz. Bei diesem Anblick haucht auch die Prinzessin ihr Leben aus, und die mitfühlende Meerjungfrau kann nichts weiter für die Liebenden tun, als sie in zwei Palmen zu verwandeln, die sich im Wind sanft mit ihren Zweigen berühren.

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