Der Biedermann Elend und sein Hund Armut

Der Biedermann Elend und sein Hund Armut

enthalten in Französische Volksmärchen, Bd. 2, übersetzt von Ernst Tegethoff, erschienen 1923 bei E. Diederichs

Eine wahrhaft erstaunliche Geschichte von Schuld und Schulden, Gott und Teufel, die am Ende auch noch erklärt, warum Elend und Armut auf der Erde nicht auszurotten sind. Die Geschichte ähnelt dem Märchen Der Schmied von Jüterbog (Ludwig Bechstein, Deutsches Märchenbuch): dort steigt der Schmied, der weder im Himmel noch in der Hölle eingelassen wird, zu seinem früheren Dienstherrn Kaiser Friedrich in den Kyffhäuser. Ein ähnliches Märchen ist auch der norwegischen Märchensammlung von Asbjørnsen und Moe enthalten (Der Schmied, den sie in der Hölle nicht haben wollten).

Inhalt

Ein armer Schmied namens Elend fristet sein sehr kärgliches Dasein, indem er die Reit- und Lasttiere der selten genug vorbeiziehenden Reisenden beschlägt. Sein einziger Gefährte ist ein Hund mit Namen Armut. Die beiden sind unzertrennlich, sodass jeder weiß: wenn Armut um die Ecke kommt, kann Elend nicht weit sein. Und umgekehrt.

Eines Tages klopft der liebe Gott an Elends Tür, begleitet von Petrus. Elend beschlägt Gottes Esel. Als er fertig ist, fragt Gott

»Wieviel bin ich schuldig?«

Weil die Reisenden arme Teufel zu sein scheinen, antwortet Elend

»Meister, ich fordere nichts von Euch.«

Darauf Gott

»Nichts ist zu wenig.«

und Elend

»… ich will nur euren Segen.«

Das gefällt Gott. Er gibt sich als Gott zu erkennen und fordert Elend auf, drei Wünsche an ihn zu richten. Petrus raunt ihm wiederholt zu, er solle auf keinen Fall vergessen, sich das Paradies zu wünschen, aber Biedermann Elend hat drei ganz profane Wünsche. Er wünscht sich erstens, dass niemand, der sich in in seinen Sessel setzt, ohne seine Erlaubnis wieder aufstehen kann. Zweitens, dass, wer auf seinen Nussbaum steigt, nicht ohne seine Erlaubnis wieder herunter kann. Und drittens, dass alles, was in seinen Beutel kommt, nicht ohne seine Erlaubnis wieder daraus entweicht. Gott gewährt ihm die Wünsche und lobt ihn für seine Bescheidenheit. Petrus hingegen nennt ihn einen dreifachen Idioten, weil er die Chance aufs Paradies dreimal vertan hat.

Nach dieser Begegnung wird Elends Not nur noch größer. Es kommen kaum nach Reisende vorbei, und er und sein Hund Armut sind kurz vorm Verhungern. Der Teufel bekommt Wind von Elends Lage und macht ihm ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann:

»Ich biete dir zehntausend Taler an, unter einer Bedingung allerdings.«

Elend weiß die Bedingung, ohne dass der Teufel sie ihm sagen muss: der Teufel will natürlich seine Seele. Er lässt sich auf die Bedingung ein, dass der Teufel seine Seele bekommt, wenn er ihm das Geld in zehn Jahren nicht zurückzahlen kann. In den nächsten zehn Jahren macht er sich ein vergnügtes Leben, geht ins Wirtshaus und ist spendabel gegenüber seinen Freunden. Als die Zeit um ist, kommt der Teufel siegessicher, um Elends Seele zu holen. Allerdings wundert er sich, Elend nicht zerknirscht, sondern froher Dinge vorzufinden:

»Potztausend, Elend, du scheinst mir sehr vergnügt zu sein!… du sollst mir doch zehntausend Taler zurückerstatten.« »Zehntausend Taler? Ihr träumt, Meister. Ich habe kaum deren zehn…

Elend bittet den Teufel, sich kurz in den Sessel zu setzen, er müsse sich noch etwas fertig machen für den langen Weg in die Hölle. Aus dem Sessel kommt der Teufel nicht mehr heraus, und Elend verprügelt ihn ordentlich mit einer Eisenstange. Erst nachdem der Teufel schwört, Elend die Schulden zu erlassen, lässt Elend ihn laufen. Doch ein Jahr später hat Elend wieder kein Geld mehr, was dem Teufel nicht verborgen bleibt. Er bietet ihm diesmal zwanzigtausend Taler Kredit, zu den gleichen Konditionen wie zuvor. Elend beginnt wieder sein vergnügtes Leben, und als diesmal die Zeit um ist, bringt der Teufel zur Verstärkung zehn kleine Teufelchen mit. Dem Elend ist auch diesmal nicht bange vor der Reise in die Hölle, er bittet lediglich darum, die schönen Nüsse von seinem Baum mitnehmen zu dürfen. Der Teufel macht sich mit seinen Begleitern ans Pflücken — und kommt natürlich nicht wieder herunter. Wieder setzt es Prügel für den armen Teufel. Doch er bekommt eine dritte Chance, da Elend bald wieder kein Geld mehr hat. Zehn Jahre und dreißigtausend Taler später kommt der Teufel ein drittes Mal, um Elends Seele zu holen. Diesmal überlistet Elend ihn, indem er ihn in seinen Beutel schlüpfen lässt, den er anschließend nach den Regeln der Kunst auf dem Amboss bearbeitet. Von nun an lässt der Teufel den Biedermann Elend in Ruhe. Er wird sehr alt, bis er schließlich an gleichen Tag wie sein Hund Armut stirbt.

Elend begibt sich mit Armut zum Paradies, doch Petrus, der immer noch sauer ist, lässt sie nicht hinein. Deshalb versuchen sie es am Tor zum Fegefeuer. Der Engel am Tor blättert in seinem Buch nach Elends Namen, aber da er keinen Eintrag findet, werden die beiden auch hier abgewiesen. Bleibt also nur noch die Hölle. Aber auch der Teufel lässt sie — verständlich nach allem — nicht hinein. Deshalb bleibt Elend nichts anderes übrig, als mit Armut zur Erde zurückzugehen und für immer dort zu bleiben.

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