Cendrillon ou La petite pantoufle de verre

Cendrillon ou La petite pantoufle de verre

Aschenputtel oder Das gläserne Pantöffelchen

Märchen aus der Sammlung Contes de ma Mère l’Oye von Charles Perrault (1697)

Die Grimmsche Variante des Märchens ist unter dem Namen Aschenputtel bekannt. Bei Ludwig Bechstein heißt es Aschenbrödel, im englischsprachigen Raum Cinderella, was (u.a. durch den gleichnamigen Zeichentrickfilm) auch hierzulande weithin geläufig ist.
Allgemeine Ausführungen zur Figur des Aschenputtel hier.
Die folgende Inhaltsangabe bezieht sich auf Perraults Variante.

AT 510A

Inhalt

Ein Edelmann heiratet in zweiter Ehe eine hochmütige und herrschsüchtige Frau, die zwei ganz nach ihr geratene Töchter hat. Seine eigene, schöne und sanftmütige Tochter lässt die Demütigungen von Stiefmutter und Stiefschwestern klaglos über sich ergehen. Der Vater wagt nicht ihr beizustehen, denn er steht unter dem sprichwörtlichen Pantoffel seiner zweiten Ehefrau. Das Mädchen versorgt also wie eine Dienerin den Haushalt, selbst noch die schmutzigsten Arbeiten. Wenn sie doch einmal von ihrer vielen Arbeit ausruht, dann in der Nähe des Herdes, in der Asche sitzend. Deshalb wird sie im Haus nur noch Aschenputtel gerufen. Und doch sieht sie in ihrem ärmlichen Kleid viel schöner aus als die herausgeputzten Schwestern.

Cendrillon (Aschenputtel), Märchen von Charles Perrault, Märchenbilder von  Gustave Doré

Cendrillon (Aschenputtel), Illustration Gustave Doré

Aufgeregt bereiten diese sich auf ein mehrtägiges Fest vor, zu dem der Prinz, offensichtlich auf Brautschau, neben vielen anderen Personen von Stande auch sie eingeladen hat. Aschenputtel hat durch den ganzen Aufruhr noch mehr Arbeit als sonst und berät die auf sie herab schauenden Schwestern sogar noch in Geschmacksfragen. Erst als die beiden zum Fest aufgebrochen sind, lässt sie sich zu einem sehnsuchtsvollen Seufzer hinreißen. Den hört ihre Patin, eine Fee. Die errät natürlich sofort, dass Aschenputtel auch gern zum Ball gehen würde. Also verzaubert sie einen ausgehöhlten Kürbis in eine vergoldete Kutsche, sechs Mäuse in prächtige Schimmel, eine Ratte in einen Kutscher und drei Eidechsen in livrierte Bedienstete. Schließlich noch schnell Aschenputtel mit dem Zauberstab berührt — und schon wird aus dem Schmuddelkind eine stolze junge Frau in den Kleidern einer Prinzessin. Das allerbeste (weil persönlichste) aber sind die Schuhe: zierliche Pantoffeln aus Glas. Die Fee ermahnt Aschenputtel, unbedingt zur Mitternacht zurück zu sein, denn Schlag Zwölf ist der ganze Zauber dahin.

Schon bei der Ankunft der unbekannten Prinzessin sind alle von ihr gebannt. Der Prinz behandelt sie mit der größten Zuvorkommenheit, und Aschenputtel, die Königin des Festes, ist besonders liebenswürdig zu ihren Schwestern, die sie nicht erkennen. Viertel vor Zwölf verschwindet die schöne Prinzessin so unerwartet wie sie gekommen war, erreicht gerade noch rechtzeitig ihr Zuhause und ist wieder das unscheinbare Aschenputtel. Am nächsten Tag beweisen die Worte der Schwestern, dass sie DAS Gesprächsthema auf dem Fest des Prinzen war. Aschenputtel genießt ihren glanzvollen Auftritt ohne sich zu offenbaren. Am nächsten Abend taucht sie wieder auf dem Fest auf, noch prächtiger als zuvor. Der Prinz hat nur noch Augen für sie, und jedem ist klar, dass nur die schöne Unbekannte die Braut des Prinzen werden kann. Während sie mit dem Prinzen tanzt, ertönt der erste Glockenschlag zur Mitternacht, und Aschenputtel verlässt das Schloss fluchtartig. Die Kutsche ist nicht mehr vorhanden und sie ist wieder in ihr ärmliches Kleid gehüllt. Auf der Schlosstreppe verliert sie einen ihrer gläsernen Pantoffeln.

Am nächsten Tag lässt der Prinz überall nach der Besitzerin des Pantoffels suchen. Seine Gesandten kommen auch zu Aschenputtels Haus, wo zuerst ihre Schwestern vergeblich versuchen, sich in den gar zu zierlichen Schuh zu zwängen. Schließlich bittet Aschenputtel, den Pantoffel auch einmal probieren zu dürfen. Er passt wie angegossen, und sie holt aus ihrer Tasche noch den zweiten dazu. Aschenputtel wird die Frau des Prinzessin und verzeiht ihren Schwestern.

Cendrillon & Aschenputtel — Motivvergleich

Der auffälligste Unterschied zwischen Perraults Fassung und dem Aschenputtel der Brüder Grimm ist das nur bei Letzterem vorhandene Motiv der Tauben als zauberkräftige Helfer des armen Aschenputtels. Neben dem verlorenen Schuh ist es aber wohl gerade das Bild der Tauben, das wir (im deutschsprachigen Raum) zuallererst mit Aschenputtel assozieren (» … die guten ist Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«). Als Symbol sind die Tauben mehrdeutig, einerseits als Begleiterinnen der Aphrodite der von allen bestaunten wunderschönen Frau gerecht werdend, anderseits sanftmütig und fleißig (Linsen pickend) wie das demütige Aschenputtel selbst. Anstelle der Tauben tritt bei Perrault die gute Fee als Helferin. Außerdem fehlt in Perraults Fassung das aus dem Grimmschen Märchen bekannte Haselreis bzw. der aus diesem wachsende Baum oder Strauch, der Aschenputtel mit ihrer verstorbenen Mutter verbindet.

Trotz dieser Unterschiede ist den Fassungen ein Frauenbild gemeinsam, nämlich das des schwachen, gedemütigten Mädchens, das weder gegen ihre Unterdrücker rebelliert noch vor ihnen davonläuft. Stattdessen wird die Geschichte durch einen Erlöser, den Prinzen, zu einem guten Ende geführt. Dieses Glück verdankt Aschenputtel allein ihrer Schönheit (und natürlich der Fee bzw. den Tauben), Schritte selbständigen Handelns sind nur insofern zu erkennen, als sie ihrem Erlöser Zeichen gibt, sie zu erkennen.

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